Kinderhäuser: Merkmal des Lebens im Kibbuz

Erziehungsideale

Ein Hauptmerkmal des gesellschaftlichen Lebens sind die Kinderhäuser für die Gemeinschaftserziehung des Kibbuznachwuchses. Es gibt weltweit keine Gesellschaft, die über einen derartig langen Zeitraum ein vergleichbares Erziehungsideal verwirklicht hätte, wenngleich auch in den letzten Jahren viele Kibbuzim gewisse Abstriche vom Dogma der Übernachtung in den Kinderhäusern gemacht haben.

Die Entstehung dieses Erziehungsideals ist auch aus der Herkunft der Kibbuzpioniere verständlich: Sie wuchsen in streng patriarchalischen Gemeinschaften in Osteuropa auf, den Shtetl (Städtchen), wo der Vater uneingeschränktes Herrscherrecht genoss und die übrigen Familienmitglieder sich ihm notgedrungen unterordneten. Aus dieser Erfahrung heraus und dem Einfluss sozialistischer Erziehungsideale (u.a. der russischen Bolschewiki) wuchs bei der ersten Generation von Kibbuzniks das Bedürfnis, es ihren Kindern allemal besser gehen zu lassen, sie von den erzwungenen Bindungen der Kleinfamilie zu befreien.
Auch die Stellung der Frau war eine andere. Nicht nur aus ideologischen Gründen, sondern aus ihrer notwendigen Mitarbeit beim Aufbau des Kibbuz ergab es sich schon früh, die Erziehung der Kinder einem besonders ausgebildeten Kibbuznik zu überlassen, der jeweils eine größere Gruppe von Kindern betreute. Bald wurden die ersten Kinderhäuser errichtet.
Neueren Untersuchungen zufolge haben es Kibbuzkinder in mancher Hinsicht besser als ihre Altersgenossen etwa in den Städten: die Beziehungen zu den Eltern sind unbelasteter, freundschaftlicher. Dies hängt damit zusammen, daß die Eltern nur dann mit den Kindern zusammen sind, wenn sie wirklich Zeit haben. Täglich wenden sich die Eltern ihren Kindern über mehrere Stunden zu. Es gibt keine Störungen und Belastungen durch Haushaltspflichten oder Einkäufe. Die Eltern üben gegenüber dem Kind keine formale Autorität aus, sondern eine solche, die auf Wissensvorsprung oder größerer Lebenserfahrung beruht. Negativprojektionen werden eher auf die Erzieher des Kinderhauses übertragen.
Vernachlässigung oder Grausamkeit den Kindern gegenüber wird durch gesellschaftliche Kontrolle unmöglich gemacht. In Fällen von neurotischen Eltern oder gestörten Eltern-Kind-Beziehungen haben die Kinder gute Möglichkeiten - etwa durch die Erzieherin oder die Kindergruppe - sich anderen Menschen anzuvertrauen.

In der Kindergemeinschaft leben, essen und lernen die Kinder in einer Gruppe Gleichaltriger. Je nach Größe des Kibbuz durchlaufen sie in der Zeit bis zu ihrem 18. Lebensjahr verschiedene nach Alter gestaffelte Gruppen. Sie leben in einer Art »Miniaturkibbuz«, in dem sie viele eigene Angelegenheiten selbst besprechen und mit ihren Eltern und Gruppenführern beraten können. Oft wird zusätzlich eine kleine Farm oder Kleintierzucht betrieben, in der die Kinder praktisch Alleinverantwortung tragen.

Polytechnische Ausbildung

Die schulische Ausbildung ist polytechnisch, das heißt, die Kinder lernen von Anfang an die praktische Anwendung des theoretisch Gelernten. In der Schule spielen die Zensuren eine untergeordnete Rolle. Von größerer Bedeutung ist, dass die Kinder nach ihren Fähigkeiten gefördert werden und Wert auf das Verhältnis zu den Mitschülern und Lehrern gelegt wird. Aufgrund des Drucks der staatlichen Universitäten wurden allerdings in den letzten Jahren in vielen kibbuzeigenen integrierten Gesamtschulen Lehrpläne eingeführt, die die Schüler auf die Abiturprüfungen vorbereiten. Auch das Studieren ist den Kibbuzjugendlichen erleichtert worden. Während früher nur für den Kibbuz unmittelbar verwertbare Studiengänge gewählt werden konnten (Landwirtschaft, Technik, Unterricht), ist heute jedes beliebige Fach belegbar.
In der Frage des Übernachtens im Elternhaus gibt es innerhalb der Verbände unterschiedliche Auffassungen. In der Vereinigten Kibbuzbewegung existieren bedeutend mehr Kibbuzim als im Ha´artzi-Verband, die den Eltern freigestellt haben, die Kinder zu Hause übernachten zu lassen.

Nachteile der Kinderhäuser sind folgende: die Kinder, besonders wenn sie älter sind, fühlen sich in der Gruppe zu sehr beobachtet und kontrolliert. Durch die gemeinsame Unterbringung von Jungen und Mädchen, auch im Schlafsaal, kommt es nicht etwa zu früherer Aufnahme sexueller Beziehungen, sondern diese sind bis zum achtzehnten Lebensjahr bis vor nicht allzulanger Zeit ein mehr oder minder schweres Tabu gewesen. Erst in den achtziger Jahren hat sich hier durch die gelockerte Einstellung mancher Kibbuzim etwas geändert. Auch besteht die Gefahr, dass die Kibbuzerziehung ihre Abkömmlinge nicht genug vorbereitet, sich draußen »in der Welt« zu bewegen. Nicht wenige Kibbuz-Verlasser kommen nach kurzer Zeit reumütig zurück, weil sie sich zum Beispiel in einer Großstadt nicht zurechtgefunden haben.