Europäischer Kannibalismus

Vergebliche Speisevorschriften

Problematische DelikatessenMumienhändler

Teil III. Hier geht´s zu Teil I.: Schwein mit Socken, Teil II.: Feine Küche, Teil IV.: Religiöse Speisetabus, Teil V: Bloody Mary und Teil VI.: Blutiges Exempel

Ja, das Leben auf Neuguinea hätte für die deutschen Kolonialherren sorglos und angenehm sein könnte, aber Gouverneur Albert Hahl bekam Probleme, da Berlin immer wieder versuchte, den Kannibalismus zu beenden und dabei nicht locker ließ. Zumindest bis in die Fünfziger setzte sich das fort.

Menschenpulver bis in die Zwanziger

Hahl suchte daher immer wieder das Gespräch mit wichtigen Häuptlingen, die sich aber querstellen.
Übersetzer: Der Häuptling sagt, dass er seine Feinde weiter verzehren will.
Hahl: Sag ihm, dass ich seine Worte verstanden habe, aber er und seine Krieger müssen damit aufhören.
Häuptling: Seine Worte mögen auf die Weißen passen. Das geht uns nicht nichts an, denn wir wollen den Feind erschlagen und verzehren. Das ist unsere Art. Bei dieser will ich bleiben.

Die Buschkanaken haben die Leichen aufgefressen Baininger

Hahl, der mit einer Einheimischen und Kind lebte, in seinen Erinnerungen: "Ich habe diese Worte wohl im Gedächtnis bewahrt, als Mahnung zur Vorsicht."
Er tat gut daran, denn unter ihm kam es 1904 zum sog. Baininger-Massaker (Baining Massacre), ausgelöst durch Herz-Jesu-Missionare, die dem Volksstamm der Baininger "Gottes Wort" brachten - wer hatte es bestellt? - und mit ihren Moralvorstellungen quälten. Pater Matthäus Rascher aus Sambach, Bayern, war unter den sittenstrengen Bekehrern einer der ärgsten. Er wollte eine Umwandlung dieser "menschenfressenden und niedrigstehenden Völker" in ein vollständig neues und gottgefälliges Volk. Ein Dorn im Auge war ihm vor allem die freie Sexualität der Eingeborenen, in deren Sprache es kein Wort für Jungfrau gab, und wo Geschlechtsverkehr vor der Ehe als normal galt. (1)

Artverwandtschaften

Nach dem Geschilderten ist klar: An dieser Stelle dürfte auch das letzte Geheimnis des Schweinefleischtabus stecken. Es handelt sich um Reste aus uralten Zeiten: Aussehen, Geschmack, Todesschreie und Intelligenz - das ist zu starker Tobak. Uralt ist dabei ein wenig übertrieben, denn im pfälzischen Herxheim wurden Menschenknochen von 500 Toten aus der Bandkeramikzeit gefunden, 7000 Jahre alt, deren Fleisch wie bei Schlachtvieh von den Knochen geschabt worden war. Das war immerhin 3000 Jahre nach Ende der letzten Eiszeit, die vor zehntausend Jahren auslief.

Gekochte Kinder in Europa - Unverhüllter LeichenverzehrMumia

Die Historikerin Dr. Anna Bergmann, Innsbruck berichtet, dass im christlichen Europa zwischen dem 16. und 19. Jh. das Auskochen von Kindern zwecks Medikamentenherstellung - eine Art medizinischer Kannibalismus also - gängig war. Zu Heilmitteln verarbeitet wurden oft auch Hingerichtete. Einen Aufschwung erlebt diese Art von Menschenfresserei nochmals im 19. Jh. mit der Eroberung Ägyptens durch Napoleon, wodurch zahlreiche Mumien nach Europa gelangten. Während die Briten als Nebengewinn die vielen Tierkadaver - aber nicht nur die - in ihren Knochenmühlen hauptsächlich zu Phosphatdünger, Guano sozusagen, verwandelten, fabrizierten die Mediküsse und Apotheker aus Mumien, fein zerstoßen und zermahlen, auch zauberhafte Arzneien, Pülverchen und Tinkturen. Bis ins 19. Jh. führten Apotheken, die etwas auf sich hielten, auch eine Mumie. Merck in Darmstadt hatte "Mumia vera aegyptiaca", in heller Schokofarbe zu 12 Goldmark pro Kilogramm, bis 1924 im Programm.
Der Medizinhistoriker Dr. Andreas Winkler, Apothekenmuseum Innsbruck, berichtet, dass Füße und Beine pulverisiert, im Mörser zerstoßen und Arzneimitteln beigefügt wurden. Gefragt waren auch Hirnschalen, Fett, Blut und Menschenschädelmoos, denn die Hingerichteten hingen so lange, bis auf Schädeln Moos wuchs, ein angeblich blutstillendes Mittel. Das Mittel "Mumia", ursprünglich aus ägyptischen Mumien bestehend und bis in die Zwanziger im Handel, war so begehrt, dass bald neue Leichen als alt verkauft wurden. Man verscharrte Tote im Sand und buddelte die auf alt getrimmten Kadaver nach einiger Zeit wieder aus. 

Und so dichtete man:
"Die Hirnschal präpariert ein Skrupel am Gewicht
vertreibt die schwere Not oder das Kindergicht
Zerlassen Menschenfett ist gut für lahme Glieder,
so man sie damit schmiert. Sie werden richtig wieder."

Festzuhalten ist, dass die Pülverchen usw. nicht mehr wirklich das Bild einer Leiche aufsteigen ließen und daher auch ziemlich problemlos eingenommen werden konnten. Das ist so wie bei der Weißwurst, die schon immer eine war und nie was anderes ... Aber es gab auch ganze Köpfe nach Stück.

Menschenfresserei heute

Man sollte denken, das sei vorbei. Weit gefehlt. In gewissen Frauenkreisen kursieren sogar leckere Rezepte zum Plazenta-Braten. Einen Link legen wollen wir nicht, aber man kann ja das "www" davorsetzen, und schon hätte man´s:
ariva.de/forum/leckere-plazenta-rezepte-307438.
Was soll man sagen?

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1.) Als der Missionsgehilfe To Maria sich von seiner Ehefrau scheiden lassen und seine neue Geliebte ehelichen wollte, war Missionsleiter Rascher empört, ließ das entflohene Liebespaar wieder "einfangen" und mit einem Strick gefesselt zurückführen. Dann verprügelte er höchstselbst den Ehebrecher, während die Oberin Anna, eine stämmige Nonne, die Geliebte erbarmungslos wegen aller begangenen Sünden auspeitschte. Das war zuviel für die Baininger, die schon lange die europäische Moral und Knechtschaft unerträglich fanden. So wurden drei Padres und fünf Nonnen einer Mission durch Axthiebe erschlagen. Hier, kirchlicherseits, die Beschreibung des Märtyrertods von Schwester Agatha, die dadurch die "unverwelkliche Krone der Herrlichkeit" erlangte. Kein Wort von den vorstehenden Tatsachen. Das ist schon beachtlich.
Aus dem Bericht der Schwester Franziska MSC, über den Tod von Schwester Agnes: "Im Stillen verband er sich mit 4 Gleichgesinnten aus dem Dorfe und 300 Buschkanaken ... die Leichen der Brüder und Schwestern haben die Wilden mitgeschleppt und aufgefressen."
Die Kolonialverwaltung nahm Rache. Mehrere Baininger wurden gehenkt. Drei Köpfe ließ Hahl, Angehöriger eines zivilisierten europäischen Volksstammes, der sonst eher eine behutsame und verständnisvolle Politik betrieb, der Uni Freiburg "zu wissenschaftlichen Studien" zwecks Einverleibung in ihre berüchtigte Schädelsammlung vermachen. Grad oben drüber, im Audimax, fabulierte später Heidegger über Sein und Nichtsein und fand heraus, dass das „Nichts nichtet“.

Näheres und ergänzend siehe das E-Book Die Sau ist nackt - Das Weib muss weg.

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Fotos: Ägyptischer Mumienhändler, Mumiagefäß 19. Jh, Wiki, Baininger Feuertanz v. Taro Taylor, Wiki